Wie alles begann…

 

Die Entscheidung… Schnell musste es gehen, viel Zeit für Überlegungen gab es nicht. Sonntags kam der Anruf auf meine Anzeige in einem Kleinanzeigen-Online-Magazin, Montag hab ich das erste Mal mit den Verpächtern den Schrebergarten angeschaut, bis Donnerstag musste ich die Entscheidung fällen. Denn sonst wird das Kleingarten-Grundstück online gestellt.

Ich war zunächst nicht euphorisch, Liebe auf den ersten Blick war es definitiv nicht. 500qm sind nicht so groß wie ich eigentlich wollte und können auf einem derart verbauten Grundstück sogar recht klein wirken. Der Zustand des Schrebergartens war nicht gut: zuletzt „bewohnt“ von einem älteren Mann, der vor vier Jahren gestorben war. Drei Jahre stand das Grundstück leer bis sich die Erbengemeinschaft zum Verpachten entschloss und sich des Grundstücks dann mit einer wohlmeinenden Schnellschuss-Aktion annahm.

Ein Gärtner wurde zum Kahlschlag verdonnert, der Stichtag 1. März wegen Nistschutz nahte und die Besitzer wollten es möglichst schnell hinter sich bringen. Drei große Bäume wurden vom Gärtner gefällt, alles an Büschen auf Stock gesetzt. Dazu ca. 20 weitere kleinere Bäume und Gehölze mit ca. 30cm Durchmesser-Strünken, die großen Baumstümpfen gleichkommen. Die Wiese besteht nur aus Moos, der Boden ist steinig und nicht gut. Zudem stark durchwurzelt. Sichtschutz zu den Nachbar-Grundstücken besteht nach der Abholz-Aktion nicht.

Die Pacht ist mit € 1200,- jährlich plus Nebenkosten nicht günstig. Dafür wird keine Ablöse fürs Haus verlangt. Mir war schnell klar: das Grundstück ist nicht das was mein Gärtnerherz schneller schlagen lässt. Ein eigentlich furchtbar eingewachsenes Grundstück, das aber durch die Gesamtanlage des privaten Schrebergartens einen wilden Anarcho-Charm hat. Garten-Liebhaber im eigentlichen Sinn war der frühere Bewohner definitiv nicht. Von Beruf Elektriker stand ihm der Sinn eher nach immer neuen Anbauten und akkurat verlegten Stromleitungen als nach Gartenpflege. Neben der Mooswiese und Bäumen und Liguster-Sträuchern sowie jeder Menge Wildnelken, die sich selbstständig versamen, scheint es keinen anderen Bewuchs zu geben.

Die Alternative besteht darin weiter zu suchen und sich in alle möglichen Listen einzutragen um dann eine richtige Kleingartenparzelle mit 250qm nehmen zu müssen. München-Riem als Gärtnerparadies eher schwierig, als Familien-Grundstück charmant. Die Kinder gaben den Ausschlag. Zufälligerweise hatten auch alle Zeit für ein Treffen, bei uns eigentlich fast ein Ding der Unmöglichkeit – wir haben uns an meinem Geburtstag abends alle getroffen und sind die ersten Fotos durchgegangen: jede Menge Abfall & Chaos und als Gegenstück nur ein kleiner Traum von einem schönen, intensiv gelebtem Sommer. Aber auch die Schwiegerkinder stimmten für ‘Ja, nehmen’. Damit stand die Entscheidung fest…

 

Bestandsaufnahme… Dreck wegfegen, Erde von den abgeholzten Strünken kratzen: Hilfe!, es werden immer mehr. Einen Waschbetonweg entdecken und freischaufeln. Das Grundstück vermessen, Plan zeichnen und auf sich wirken lassen. Sichtachsen entwickeln, fiktive Sitzplätze entdecken. Bezüglich Himmelsrichtungen bin ich kein Theoretiker, ich muss die Sonne fühlen um mir merken zu können was wo gepflanzt werden kann.

Normalerweise ist das alles kein Problem, beobachten, anschauen, Gartenbücher wälzen und irgendwann weiß man was wo hinkommt und wie es gemacht werden soll. Darüber hinaus: alles was ich selbst machen kann, davor habe ich keine Angst.

Hier aber kann ich vieles nicht alleine schaffen, schweres Gerät und Gärtner sind angesagt. Das muss gut überlegt sein, jeder mit einer Stubbenfräse behandelter Baumstumpf kostet ein kleines Vermögen. Da muss ganz genau überlegt werden wo später die Beete hinkommen, wo eventuelle Wege verlaufen und sauber und ebenerdig gecuttete Baumscheiben gar nicht stören. Und wenn schon Minibagger, was kann in einem Aufwasch mit übernommen werden. Gleichzeitig Plan B in Rückhand für den Fall dass es einfach das Budget sprengt, was kann vielleicht doch auf nächstes Jahr gelegt werden. Wenn man absehen kann ob die Stümpfe wieder austreiben und wo Sichtschutz so vielleicht doch ganz schnell geht.

Deshalb: Susanne auf akribischer Blättersuche, denn manchmal verraten im Zaun hängen gebliebene Blattreste um welchen Strauch es sich handelt: Liguster, Liguster und noch mal Liguster, über den Zaun gewanderte Berberitzen, eine mickernde Forysthie, ein leider unsanft geschnittener Holunder, der aber zum Glück schon wieder austreibt und später nach hinten vor Blicken schützen kann. Einmal eine schöne Überraschung. Von Weigelie und eventuell falschem Jasmin, Flieder ist die Rede. Dem depperten Gärtner könnte ich den Kopf abreißen dass er nicht einmal hingeschaut hat was er denn da abholzt. Aber mir gegenüber einen auf Bewahrer machen und ein schlechtes Gewissen einreden als ich schlecht gewachsene, mickernde Thujen noch ins Abholz-Visier nehme.

Die Kinder sind nicht wirklich eine Hilfe, irgendwie funktioniert das nicht. Robinson meint „genaue Pläne machen bringt nichts weil dann doch alles wieder ganz anders kommt“, Neville meint „mit einer gescheiten Axt kriegt er Baumstrünke schon selbst raus“ (was sich bewahrheitet hat!) und Joanna hat Angst vor Spinnweben. Und alle wollen eigentlich erst arbeiten wenn man braun wird dabei. Zuerst fühlte ich mich etwas alleine gelassen, denn das war genau das was ich nicht wollte. Aber wer nicht kommt, der darf nicht bestimmen. In diesem Sinne fing ich dann einfach mal an…

Immer wieder rausfahren, rumwandern, mal dort die Erde aufhacken, mal dort die Ecke fegen. Eigentlich geht es um die Komplettierung der Zeichnung, die dann Grundlage für den Gärtner sein wird und die Kalkulation. Im Grunde genommen aber will ich das Grundstück buchstäblich ‘begreifen’.

 

Moodboard und Wünsche… Im Kopf nimmt das Moodboard langsam Gestalt an, auch wenn die Collage eigentlich noch im Kopf stattfindet und noch lange nicht geklebt wird. Die ganze Wohnung scheint nur noch aus Stapeln von Gartenliteratur zu bestehen, wichtige Seiten werden mit grellpinken Post-its versehen, alles was ich im Laden sehe und vielleicht verwenden will, wird mit Handy abfotografiert. Jede Gartenzeitschrift, jedes Gartenbuch hilft einen winzigen Schritt weiter.

Zwischendurch die Angst dass ich mich etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt habe, eigentlich hab ich eh keine Zeit, bin beruflich total eingespannt und muss mich da kümmern. Ob das Ganze nicht doch eine Nummer zu groß ist, zu teuer, zu sehr Schrebergarten, zu kleinbürgerlich, zu sehr Blick über den Gartenzaun.

Der eine Gärtner drängt, er möchte den Auftrag haben. Ich mach mir Stress weil ich weiß jetzt ist Saison, wenns blöd läuft, muss ich lange warten auf die Maschinen. Will eigentlich unter den ersten sein die sich Anmelden für die Stubbenfräse. Gleichzeitig weiß ich: ich bin noch nicht soweit, weiß noch nicht was ich will, dreh mich im Kreis.

Der bei einer Exkursion entdeckte schnurgerade Weg aus Waschbetonplatten reizt zum Wiederspruch: schlechter hätte der Weg ins Grundstück nicht verlegt worden sein. Direkt an Nachbars Grundstück vorbei, und dann ganz langweilig nach hinten durch. Es passiert nichts, kein schöner Einstieg. Zudem entspricht der links gehaltene Weg nicht der den meisten Menschen symphatischerem Drall nach rechts. Also muss eine neue Wegführung her. Unterschiedliche Gartenräume sollen geschaffen werden um den kleinen Garten optisch größer und spannender zu machen. Mit einer neongrünen Wäscheleine aus meinem Fotostyling-Zubehör lege ich den geschwungenen Pfad durchs Grundstück und bin begeistert: Das ist es! Rechts im Schatten der großen, extrem hohen amerikanischen Eiche fällt die Nachmittagssonne hin, der perfekte Platz für die sich sonnende Family, für eine Rasenfläche. Alles links vom Weg gehört den Gärtnern. Rechts vom Weg ist Grillplatz, Wiese und Family-Place.

Mit dieser Entscheidung wird das große Problem in kleinere gegliedert, mein bewährtes Mittel um resistent zu sein gegen Gedankensausen und lähmendes Chaos. Und gleichzeitig macht die parallel beginnende, konkrete Gartenarbeit wunderbar müde. Tag eins geht mit 5 Stunden Liguster schneiden, Komposthaufen aufbauen und vor allem dem Entfernen des Drahtverhaus vor der Terrasse schnell vorbei, bis in die Dunkelheit hab ich geschuftet. Mit dem ersten selbst gekauften Werkzeug machts auch richtig Spaß: die Astschere schneidet leicht, die Heckenschere geht wie Butter und irgendwie krieg ich die völlig aus den Fugen geratenen Ligusterbüsche schon noch richtig schön kugelig! Der Blick auf das eigentlich hübsche Häuschen ist jetzt frei, man hat nicht mehr das Gefühl im völlig zugewachsenen Schatten zu ersticken. Auch wenn Rücken und Arme sich abends bemerkbar machen, der meditative Charakter von Gartenarbeit wirkt…

Unsere ‚Haben will’-Posten

  • Klassischer Bauerngarten mit Staketenzaun als
    gestalterisches Element und Raum im Raum (kann klein sein, dort darf alles wachsen in allen Farben)
  • Blumenrabatten eine in zartgelb-lila
  • Hochbeete für Gemüse & Co.
  • Schatten-Rabatte in weiß, hellgrün, pink
  • Topinambur
  • Sichtschutz zu Nachbarn
  • Grillplatz/Küche im Freien
  • Hängematte (? Geht nur zwischen den Apfelbäumen)
  • Platz zum Abhängen in Liegen auf Rasen
  • Kinder- und Hundefreundlich
  • Sitzplatz zum Essen (mit gelben Fermob-Möbeln)
  • Gestaltungstendenz: Holz weiß, freundlich-helle Wirkung
  • Chilliger Loungebereich am Haus/bequeme Möbel, Sofa & Fatboys?

Drei Jahre später… Natürlich kommt alles anders als man zunächst denkt. Zum Aufschreiben und Dokumentieren blieb keine Zeit. Manches wurde umgesetzt, anderes gab der Boden nicht her. Was ich realisiert habe nach den ersten Überlegungen, wie aus Susanne das Rhabarberflittchen wurde, das zeigen meine Fotos hier in diesem ganz persönlichen Garten-Blog…  

 

 

4 Comments

    1. Rhabarberflittchen

      Da freu ich mich drüber und auf Deinen Gartenblog. Sobald ich abends mal Leerlauf habe wird der Weg zum Garten auch noch bebildert… Gerade schwelge ich aber lieber in den Gartenfotos vom Folgejahr – Stubbenfräse & Kiesberge sind halt nicht so sexy ; )) Und lieben Dank auch für die Mithilfe bezüglich Tanacetum ‚Crispum‘ gerade : )

      Gefällt mir

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